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Teil 1

Kein Mensch lebt isoliert auf einer Insel.
freundundvert

Das Band unter den Menschen, welches sich Freundschaft nennt, diese emotionale seelische Bindung, kannnicht von Geld oder irgendwelchen wirtschaftlichen Erwägungen abhängig sein. Sie muss über allemateriellen Abhängigkeiten erhaben sein und in jeder anderen Situation Bestand haben. Was wäre sonstmit jenen Personen, die nicht erfolgreich, schön oder mächtig sind? Wären sie von diesem Glück desMenschseins ausgeschlossen?

Man kann schon fast eine Regel davon ableiten, dass der Mensch der Wohlstandsgesellschaft kaum noch inder Lage ist zu erkennen, wer Freund oder Feind ist und immer weniger dazu neigt, für eine Freundschaftselber entsprechende Opfer zu bringen.

Natürlich muss es unter Freunden nicht sein, dass man ewig aufeinander hockt, nur um zu beweisen, dassman gut befreundet ist. Wahre Freundschaft fühlt man und lebt sich von selbst. Man spürt es allein schonan dem Gefühl der Freude, wenn man sich sieht oder besucht wird, falls man krank und einsam ist.

Handelt es sich aber noch um Freundschaft, wenn man das ganze Jahr nicht aneinander denkt und amJahresende beschämt in den Kalender schaut, weil man die Festtagsgrüße oder die Geburtstagskarte vergessen hat.

Noch peinlicher: Man hat eine Weihnachtskarte bekommen und muss auf den letzten Drücker noch zur Post,um schnell noch einen „lieben“ Brief aufzugeben, damit dieser pünktlich ankommt.

Natürlich muss es auch zwischen dem Sifu und seinem Schüler, oder Trainer und seinem Schüler die Basiseiner Freundschaft geben. Ohne diese kann es einen Fortschritt im Training, erst recht in jenem der Kampfkünste, nicht geben. Zumindest der gegenseitige Respekt muss da sein.

Der Schüler braucht nicht einfach nur einen Mentor, sondern eine Person seines Vertrauens. Besser nocheinen Freund, dem alles gesagt sein kann und unter Umständen auch persönliche Probleme mitgeteilt werden können.

Genau wie die Fische den Ozean brauchen, so ist der Ozean auf die Fische angewiesen. Versucht man durch das Leben zu gehen, ohne diese Tatsache zu berücksichtigen, so wird man Vieles nicht erkennen. Ohne zu Erkenntnissen zu gelangen würde der Mensch unweigerlich verbittern, ein unerfülltes Leben wäre die Folge.

Was macht einen wahren Freund aus? Jemand, der dich nur beschenkt und nach deinem Mund redet? – Nein!

Wie oft ist es passiert, dass man von seinem Freund, Trainer oder Schüler, für den man so viel gegeben oder getan hat, gerade in dem Augenblick allein gelassen wurde, als man ihn und seine Hilfe brauchte? – Leider zu oft!

Das Erste, was wir hieraus lernen können ist, dass man einen wahren Freund nur dann findet, wenn man Hilfe braucht und nicht, wenn wir gerade im Erfolg schwimmen.

Wenn wir uns die erfolgreichen Menschen ansehen, so fällt uns – häufig unbewusst - auf, dass sie stets etwas besitzen, woran viele Menschen selber teilhaben wollen. Sie gehören oft zu den Reichen oder Schönen, sie besitzen Macht, oder besetzen wichtige Schlüsselpositionen.

Häufig verunsichert sie dies so sehr, dass sie entweder Angst davor haben, oder nicht in der Lage sind, zu unterscheiden, wer ihr Freund oder Feind ist.

Bewusst oder unbewusst stellen sie sich immer wieder diese Frage: Wäre ich nicht ein Teil der angeführten Gesellschaftsschicht oder des Kreises, wären dann meine Freunde noch da?

Teil 2

Eine Leistungssteigerung und ein Fortkommen sind nur möglich, wenn ein gemeinsames Fundament und ein reibungsloser Trainingsablauf gewährleistet sind.

Noch deutlicher wird dies anhand des vertrauensvollen Umgangs zwischen Schüler und Lehrer, wenn dieser anhand einer zu erlernenden Waffenabwehr evtl. einen Messerangriff demonstrieren muss. Der Schüler muss in gutem Vertrauen auf den sorgsamen Umgang seines Lehrers mit der Waffe bauen können.

Noch weiter gedacht bedeutet dies auch, dass der Schüler weiß, dass sein Freund/Trainer ihm niemals ein Haar krümmen würde, denn müsste er sich darum Gedanken machen, so würde er die entsprechende Technik nie erlernen.

Der Sinn des Vertrauens und der Freundschaft hat auch seine Bedeutung für den Meister. Denn: Besteht eine Zuneigung und eine Freundschaft des Lehrers zu seinem Schüler, so kann als sicher angenommen werden, dass schon allein über das Unterbewusstsein gesteuert der Lehrer seinen Schüler aufbauen wird.

Ein Beispiel mag es noch verdeutlichen: Ein Zwillingspaar, welches den gleichen Umfang an Stunden trainiert, und über die gleiche Lernfähigkeit verfügen würde, vielleicht sogar Einzelunterricht bekäme, würde niemals die gleiche Entwicklung nehmen, wenn nur einer der Zwillinge eine freundschaftliche Bindung zu seinem Trainer hätte. 

Eine solche Situation könnte verdeutlichen, welch überraschender Unterschied im Trainingsstand innerhalb kürzester Zeit zutage tritt.

Deswegen ist es die Pflicht, sowohl des Schülers, als auch des Meisters an einem guten Vertrauensverhältnis und einer freundschaftlichen Basis zu arbeiten. Beide haben also ihren Anteil daran beizutragen.

Wer sagt, dass nicht auch ein wahrer Meister Hilfe braucht? Deswegen sollte der Schüler über genügend Feinfühligkeit verfügen und ihm beistehen.

Der Meister wiederum sollte seine Arbeit nicht daran orientieren, nur nach Erfolgstalenten zu suchen, um mit erfolgreichen Schülern seinen Ruf und sein Ego aufzubauen.

Auch ein gewinnorientiertes Denken kann nicht den wahren Meister ausmachen. Nur allzu viele Lehrer und Trainer vergessen ihre unbegabten oder wirtschaftlich schlecht gestellten Schüler und machen es sich darüber hinaus leicht, weil sie ihre Zeit allein den Talentierten unter ihnen schenken.

Es ist so einfach einem Talentierten wenig zu geben, und ihn erfolgreich zu machen.

Aber es ist ein hoher Anspruch, eine Kunst und eine menschliche Pflicht zugleich, den Untalentierten und Schwachen aufzubauen und zu stärken.

Es handelt sich also um ein Geben und Nehmen. Beide geben ihren Anteil an der Freundschaft. Beide wachsen in ihrer Persönlichkeit und in ihrem Leistungsstand.

Teil 3

Ein guter Freund, egal ob Schüler oder Lehrer stellt eine harte, interessante und zutiefst menschliche Aufgabe dar.

Der wahre Freund

01. selbst, wenn er nicht da ist, er käme sofort
02. er könnte unsere Zeit über die Gebühr nutzen, aber er tut es nicht; sollte    er es dennoch tun, so bräuchte er uns wirklich.
03. er gibt gerne, ohne eine Gegenleistung zu erwarten
04. er krempelt nicht deine Persönlichkeit um, nur um sein Ego aufzubauen
05. hört er schlechte Gerüchte über dich, so wird er dich nach außen in Schutz nehmen. Zum passenden Zeitpunkt wird er dir seine Meinung mitteilen.
06. gehst du einer geschäftlichen Aufgabe oder irgendeiner (verrückten) Idee nach, so wird er dir nicht nach dem Mund reden. (Spieglein, Spieglein an der Wand!).
07. der Meister, der deine Techniken kritisiert, ist dein Freund. Wäre er es nicht, so würdest du lebenslang mit deinen Fehlern herumlaufen.

Wären wir in der Lage, tatsächlich zu geben, ohne nach der Gegenleistung zu fragen, so könnten wir auch als Kampfsportler /Kampfkünstler den freundschaftlichen Umgang miteinander ein wenig verbessern. Denn je mehr wir ohne eine gewisse Erwartungshaltung geben, um so mehr werden wir bekommen.

Freundschaft ist darüberhinaus unabhängig von Zeit und Raum. Wenn sie durch oberflächliche Dinge verändert, beendet oder irgendwie beeinflussbar wäre, so kann es sich nicht um wahre Freundschaft gehandelt haben.

Folgendes Erlebnis, das ich vor einiger Zeit hatte, mag dies verdeutlichen:

Ein guter Freund und Schüler rief mich kurz vor Mitternacht an. Obwohl er wusste, dass ich am nächsten Tag vor einer großen Aufgabe und einer längeren Reise stand, teilte er mir kurz und knapp mit, dass er eine Panne in Holland habe, kein weiteres Geld für Übernachtung, Essen oder Telefon besitze und fragte, ob ich ihn nicht abholen könne, weil er in einer großen privaten Notlage stecke. Nachdem ich spontan und fast panikartig geantwortet hatte, wo ich ihn dort finden würde, sagte er lächelnd, dass er nur meine Bereitschaft zur freundschaftlichen Hilfe testen wollte. Er saß gerade in einer tiefen depressiven Phase und hatte einige angebliche Freunde angerufen, die aber alle kein Benzin, keine Zeit, Probleme mit der Familie oder einfach keine Lust hatten, etwas zu unternehmen.

Natürlich habe ich ihn später wegen seiner Frechheit ausgeschimpft. Im Nachhinein gestehe ich, dass er irgendwie einen interessanten, wenn auch frivolen Weg gefunden hatte, meine Hilfsbereitschaft auf die Probe zu stellen. Auch war ich froh, seinen Test bestanden zu haben.

In schweren Zeiten kann dein bester Freund der schlimmste Feind, aber dein schlimmster Feind kann auch dein bester Freund sein! Suche also deine Freunde mit großer Vorsicht aus! Nennst du dich aber selbst ein Freund, dann sei bereit, jederzeit dafür gerade zu stehen!

Meister Sifu Jimmy Jemirifo

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